“Nicht einmal einen Furz kannst Du Dir borgen“

Über die Notwendigkeit, sich selbst zu führen

„Weshalb nur ist es so schwer, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen?“, rief die Kollegin laut durch den Flur. Der japanische Zen-Meister Kodo Sawaki hätte ihr darauf eine sehr robuste Antwort gegeben: Nicht einmal einen Furz können wir uns ausleihen.

„Weshalb nur ist das so schwer“ – die Frage ist für uns alltäglich. In dem „schwer“ klingt die Bürde mit, sich des eigenen Lebens zu bemächtigen, klingt noch durch, worin „Verantwortung“ seinen Ursprung hat: Die Antwort, die wir Gott oder dem Gericht zu geben haben für unsere Taten, für das, wie wir mit dem Leben, in einer besonderen Situation, mit einem Menschen umgegangen sind.

„Übernehmen“ klingt allerdings danach, als träfen wir eine Entscheidung, als könnten wir die Verantwortung für unser Leben auch verweigern. Das hat etwas von der spielerischen Illusion des kleinen Kindes, das sich die Augen verdeckt und meint, die Welt sei damit verschwunden.

Ist das tatsächlich so? Was meint also meine Kollegin, wenn sie fragt, warum es so schwer ist, Verantwortung zu übernehmen? Meint sie eher: Warum ist es so schwer, diese Verantwortung auszuhalten, ob wir sie nun mögen oder nicht? Oder: Warum meinen wir, wir könnten dem Antworten ausweichen, indem wir uns die Augen zuhalten? Ist dann nicht das Sichentziehen unsere Antwort?

Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung.

Dieses sich der Antwort entziehen, ihr ausweichen – was wir damit tun, ist die Situation einem anderen überantworten. Was bedeutet das?

Zuerst einmal verneinen wir unser eigenes Leben. Wir missachten, was wir an Werten, Fragen und Aufgaben in uns haben. Wir unterdrücken das Leben, das sich in uns entfalten will, indem wir dem Leben des anderen, seinen Werten, seinen Vorstellungen, aber auch seinen Mustern und Pathologien einen viel größeren Platz einräumen als unserem Eigenen. Haben wir dabei jemals überprüft, ob das, was wir da übernehmen, zu uns passt? Diese Missachtung unser selbst ist Ursprung vieler Konflikte und Leiden in unserem Leben. Es gleicht einer langsamen, minimal dosierten Vergiftung unserer selbst.

Spielt der Andere mit, ist der Schaden beidseitig. Wir befrachten ihn mit unseren eigenen meist ungeklärten Dingen. Und so, wie wir uns die Freiheit nicht geben, unser Leben zu leben, nimmt er sich selbst seine eigene Freiheit, um unsere Last zu tragen. Wir kennen das, dieses sich aneinanderlehnen. Dieses unbewusste Wissen zeigt sich in der ungefragten Hilfestellung, zu der wir dann gerne greifen, um unsere Schuld abzutragen. Da ist die Bewegung dann konträr, da nötigen wir dem Anderen unsere Werte und Ansichten auf, auch hier meist ohne Prüfung, was uns zu unserem Handeln motiviert, welche Erfahrungen, Gefühle, Bedürfnisse sich dahinter verbergen. Und auch hier meist ohne den Anderen gefragt zu haben: Willst Du, dass ich Dir helfe? Sowenig wie wir fragen: Willst Du mein Leben übernehmen?

Das Gespräch mit uns selbst

Nur weshalb ist es so schwer, eine eigene Antwort auf unser Leben zu formulieren?

Sein Leben zu verantworten, heißt, in das Gespräch mit sich selbst einzutauchen. Die Erfahrung, die wir dabei machen, ist wahrscheinlich zuerst einmal schmerzhaft. Wir spüren die eigene Begrenztheit, wir tauchen ein in die Vielzahl der inneren Stimmen, diesem aberwitzigen Chor an zumeist negativen, abwertenden Gesängen. Wir konfrontieren uns mit unseren schwierigen Erfahrungen und ihren körperlichen Manifestationen. Wir stehen vor der Frage: Wer ist daran schuld? Und merken, es gibt keine Antwort darauf. Selbst, wenn der andere uns ärgert, es ist unsere Wut und nur wir können sie lösen, können neue Wege finden.

Dann erkennen wir, dass all diese Stimmen, die wir gerne anderen zuweisen (den Eltern, der Gesellschaft, dem Chef…), nur unsere eigenen Stimmen sind, nichts anderes als eine Variation unseres ängstlichen, nörgelnden, kleinlichen Geistes. Wir müssen uns diese Stimmen aneignen, um über sie hinauszukommen zu unserer wirklichen Stimme, zu dem, was uns trägt und leitet, zu dem, wofür unser Herz schlägt. Erst dann können wir die Frage: „Was ist uns möglich?“ als einen Schritt aus der Enge in die große Freiheit erfahren.

Die Erfahrung der Abhängigkeit

Welche Überraschung dabei erwartet, beschreibt Eric Bibb in seinem Song „Connected“:

Got my own way of prayin‘
my very own way to sing.
Still I’m Connected to you,
and everyone and everything.

Je tiefer wir in das Gespräch mit uns selbst eintauchen, je mehr wir lernen, eine eigene Antwort auf das zu finden, was uns da gerade passiert, desto mehr erkennen wir, wie verbunden wir miteinander sind. Ja, wir können uns von niemandem einen Furz borgen, doch ohne die anderen können wir nicht leben, nicht ohne ihre Unterstützung und Arbeit, nicht ohne ihre Achtsamkeit und nicht ohne ihre Zuneigung und Liebe. Und je mehr wir uns der Erfahrung der gegenseitigen Abhängigkeit öffnen, uns von ihr verändern lassen, desto mehr erkennen wir, wie notwendig Selbstführung ist und wie sehr wir die anderen belasten, wenn wir uns selbst unserem Leben entziehen.

Ohne Selbstführung keine Führung

Ob in Führung oder in Beratung, ob in Familie oder Partnerschaft, die Klarheit, die wir durch Selbstführung gewinnen, ist essentiell. Erst mit ihr bin ich in der Lage, den anderen ungetrübt zu erkennen. Ich kann wahrnehmen, was der andere in mir hervorruft und dann das annehmen, was da hochkommt, statt es ihm zu übertragen. Wenn ich für mich geklärt habe, wo meine Verantwortung liegt, kann ich mich in meinem Handeln von dem leiten lasse, was die Situation, was mein Gegenüber gerade benötigt. Und lasse nicht mein Ego die Angelegenheit trüben, indem ich mich der Illusion hingebe, ich könne meine Themen auf die anderen abwälzen. Gerade in Führung und Beratung ist diese innere Klarheit so zentral, denn nur, wenn ich mir der eigenen Agenda bewusst bin, kann ich mich der Agenda des Anderen annehmen, ohne die Dinge dabei zu vermischen.

Der Tanz mit dem Leben

Alles, was auf uns zukommt, ist unser Leben. Wir können es nicht loswerden, wir können uns auch nicht das Leben eines Anderen ausleihen. Was im Außen passiert, verschafft uns einen Weg in unser Inneres. Wir lernen an unseren Reaktionen, wie das Leben sich in uns vollzieht. Und indem wir uns ändern, indem wir neue Freiheiten ausprobieren, erfahren wir, wie sich die Welt um uns ändert. Das ist der Tanz zwischen dem Selbst und der Welt: Ohne das eine gäbe es das andere nicht – beides bedingt sich. So bietet jeder Moment, wie schwierig er auch sein mag, uns die Möglichkeit, Klarheit über unser Selbst zu gewinnen. Er ist eine Einladung, sich selbst zu führen und die Welt zu verändern.

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